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Estlands Bildungsgipfel Haridustreff: Ideen für die Zukunft der Bildung

  • vor 14 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Fotos: Kaido Parv


Mehr als 1.000 Lehrkräfte, Schulleitungen, Bildungsexpertinnen und -experten kamen am 18. August in Tartu zusammen. Anlass war der Haridustreff – Estlands Bildungsgipfel, eine der größten jährlichen Bildungsveranstaltungen des Landes.


Für die Deutsch-Baltische Zukunftsstiftung (DBJW) ist Bildung ein wichtiger Schlüssel, um jungen Menschen neue Chancen zu eröffnen und Verbindungen in unserer Region zu stärken. Dazu gehört auch, Schule und Bildung stärker mit Technologie, Unternehmertum und der Berufswelt zu verbinden. Denn gerade der Austausch zwischen Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft kann jungen Menschen Wege zeigen, die sie im Schulalltag vielleicht noch gar nicht kennen. Viele dieser Bereiche kamen beim Bildungsgipfel zusammen. Organisiert wird die Veranstaltung von Lilian Promet, Gründerin von Meaningful Talks und Partnerin der DBJW, deren Arbeit wir unserer deutsch-baltischen Community bereits vorstellen durften.


Von den Baltic Insights zum estnischen Bildungsgipfel

Anfang dieses Jahres wurde Meaningful Talks Partner der DBJW. Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit stehen Bildung und Jugendentwicklung. Im Rahmen dieser Partnerschaft war Lilian Promet auch bei den Digital German-Baltic Insights der DBJW zu Gast. In ihrem Beitrag „Entrepreneurship – How to Turn ‘No’ into ‘Yes’“ ging es vor allem um Kommunikation im Geschäftsleben. Aus eigener Erfahrung zeigte sie, wie man mit Ablehnung konstruktiv umgehen, aus Widerstand einen Dialog entwickeln und an einer guten Idee festhalten kann, auch wenn die erste Antwort „Nein“ lautet.


Lilian Promet (links) und Bildungs- und Forschungsministerin Kristina Kallas (rechts)
Lilian Promet (links) und Bildungs- und Forschungsministerin Kristina Kallas (rechts)

Gerade für jüngere Teilnehmende vermittelte der Beitrag damit auch eine wichtige unternehmerische Haltung: Es braucht Ausdauer, Kommunikationsfähigkeit und Flexibilität – und manchmal den Mut, einen anderen Weg zum Ziel zu suchen.


Ein Tag im Zeichen „starker Bildung“

Autorin und Bildungsexpertin Jessica Joelle Alexander
Autorin und Bildungsexpertin Jessica Joelle Alexander

Der fünfte Bildungsgipfel stand unter dem Motto „Tugev haridus“ – „Starke Bildung“. In diesem Jahr fand er erstmals in Tartu statt, und zwar an einem besonderen Ort: im Estnischen Nationalmuseum (Eesti Rahva Muuseum – ERM). Das 1909 in Tartu gegründete Museum widmet sich der estnischen Kultur und der Kultur anderer finno-ugrischer Völker. Heute ist das ERM zugleich ein moderner Kultur- und Lernort. Mit seiner außergewöhnlichen Architektur bot es einen passenden Rahmen für einen Tag, an dem es um Bildung in all ihren Facetten ging.

Zu den Höhepunkten des Programms gehörte die international erfolgreiche Autorin und Bildungsexpertin Jessica Joelle Alexander, Co-Autorin von The Danish Way of Parenting. Sie beschäftigt sich intensiv mit dänischen Ansätzen in Erziehung und Bildung. Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem Empathie, Zugehörigkeit und Resilienz – Fähigkeiten, die für die Entwicklung junger Menschen weit über schulisches Wissen hinaus wichtig sind.


Der Bildungsgipfel war keine klassische Konferenz, bei der das Publikum hauptsächlich zuhört. Neben Vorträgen und Diskussionen gab es Ausstellungsbereiche sowie 14 thematische Lernbereiche und Workshops. Die Themen reichten vom Wohlbefinden von Kindern, Finanzbildung und Kreativität bis zu Technologie, Ingenieurwesen, beruflicher Bildung und neuen Formen des Lernens. Schulen, Bildungsorganisationen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen stellten Ideen, Werkzeuge und innovative Lösungen vor. Vieles ließ sich direkt ausprobieren und gab Lehrkräften konkrete Anregungen für den eigenen Unterricht. Die Atmosphäre war herzlich, lebendig und offen – und bot viel Raum für Gespräche und neue Kontakte.


Lernen durch eigenes Ausprobieren

Besonders anschaulich wurde es bei Robotik und Technik. Drohnen-Training und Drohnenfußball zeigten beispielsweise, wie sich neue Technologien spielerisch und praxisnah in Lernangebote integrieren lassen. Gerade für Schülerinnen und Schüler an kleineren oder abgelegeneren Schulen können solche Formate interessant sein. Sie eröffnen Zugänge zu Technologien und Kompetenzen, mit denen junge Menschen im Schulalltag sonst möglicherweise nur selten in Berührung kommen.


Technologie war jedoch nur ein Teil des Programms. Ebenso ging es um Wohlbefinden, Kreativität, Finanzkompetenz und digitale Fähigkeiten. Der Bildungsgipfel machte damit sichtbar, wie vielfältig die Aufgaben geworden sind, auf die Schule heute vorbereiten soll.


Neue Wege nach der Grundschule

Besonders interessant war auch die Entwicklung der beruflichen und anwendungsorientierten Sekundarbildung in Estland. Nach neun Jahren Grundschule stehen Jugendliche bereits mit etwa 15 oder 16 Jahren vor der Frage, welchen Bildungsweg sie einschlagen möchten. Genau hier setzt eine aktuelle Reform an: Die anwendungsorientierte Sekundarbildung soll zu einer attraktiven Alternative zum klassischen gymnasialen Weg werden.


Die neuen Programme dauern vier Jahre. Sie verbinden Allgemeinbildung mit beruflichen Fachkenntnissen, praktischer Ausbildung und Erfahrungen in der Arbeitswelt. Damit können Jugendliche einen Sekundarschulabschluss erwerben und gleichzeitig Kompetenzen für ein konkretes Berufsfeld entwickeln. Wer später studieren möchte, behält auch diese Möglichkeit. Damit entstehen nach der Grundschule neue Wahlmöglichkeiten. Jugendliche müssen sich nicht mehr so eindeutig zwischen einem akademischen Bildungsweg und dem Erlernen eines Berufs entscheiden – beides lässt sich zunehmend miteinander verbinden. Unter den zahlreichen Schulen und Bildungseinrichtungen, die sich beim Bildungsgipfel präsentierten, war auch das Tartu Vocational College VOCO, ein wichtiger Partner der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung.


Welche Mathematik brauchen junge Menschen wirklich?

Eine der zentralen Diskussionen des Tages stellte eine ebenso einfache wie wichtige Frage: Welche mathematischen Kompetenzen braucht Estland?


Auf dem Podium kamen Perspektiven aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und beruflicher Ausbildung zusammen. Mit dabei war auch Estlands Bildungs- und Forschungsministerin Kristina Kallas. Im Mittelpunkt stand nicht Mathematik als Schulfach allein. Diskutiert wurde vielmehr, welche mathematischen Fähigkeiten junge Menschen für ihre weitere Ausbildung, das Berufsleben und eine zunehmend technologisch geprägte Gesellschaft benötigen.


Kallas sprach im Laufe des Tages auch direkt zu den Teilnehmenden. Damit traf die nationale Bildungsperspektive auf die konkreten Erfahrungen und Herausforderungen von Schulen und Lehrkräften.


Mut zu neuen Ideen

Der Bildungsgipfel zeichnete außerdem Menschen und Einrichtungen aus, die neue Ideen bereits in die Praxis umsetzen. Drei Stipendien in Höhe von jeweils 1.000 Euro wurden in den Kategorien Mutige Schule, Mutiger Kindergarten und Innovative Lehrkraft vergeben. Die Auszeichnung Mutige Schule ging an die Kuressaare Nooruse School, der Pangapealse Kindergarten wurde als Mutiger Kindergarten ausgezeichnet. Joana Jõgela, die Chemie am Hugo-Treffner-Gymnasium, an der Tartu Lutheran Peetri School und an der Universität Tartu unterrichtet, erhielt die Auszeichnung als Innovative Lehrkraft.


Auch darin zeigte sich ein Gedanke, der den ganzen Tag prägte: Starke Bildung braucht Menschen, die Initiative zeigen, Neues ausprobieren und bereit sind, gewohnte Wege auch einmal zu verlassen.


Starke Bildung entsteht gemeinsam

Vielleicht lag die besondere Stärke des Bildungsgipfels gerade in der Vielfalt der Menschen und Institutionen, die dort zusammenkamen. Lehrkräfte und Schulleitungen trafen auf Vertreterinnen und Vertreter aus beruflicher Bildung, Hochschulen, Technologieunternehmen, öffentlichen Einrichtungen und weiteren Organisationen. Die einen brachten digitale und technische Lösungen mit, andere neue Ansätze für Unterricht, Kreativität und Wohlbefinden oder Informationen über Bildungs- und Berufswege.


Genau darin liegt auch für die Deutsch-Baltische Zukunftsstiftung der Wert der Partnerschaft mit Meaningful Talks. Von Lilian Promets Beitrag bei den Digital German-Baltic Insights bis zu Estlands Bildungsgipfel in Tartu zeigt sich ein gemeinsamer Gedanke: Bildung profitiert davon, wenn Menschen aus unterschiedlichen Bereichen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Perspektiven zusammenbringen.


Mehr als tausend Menschen, die die jüngere Generation Estlands begleiten und prägen, haben an diesem Tag genau das getan: Sie haben Erfahrungen geteilt, neue Möglichkeiten entdeckt und voneinander gelernt. Der Bildungsgipfel ist damit weit mehr als eine klassische Bildungskonferenz. Er ist ein Treffpunkt für Menschen, die mitgestalten, wie Lernen und Bildung in Estland künftig aussehen können.


 
 
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