Bayerische Klänge in Tartu – eine musikalische Reise für Frieden und Freiheit
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An einem sonnigen Augustnachmittag erfüllte bayerische Blasmusik den Garten des Deutschen Kulturinstituts in Tartu. Was auf den ersten Blick wie ein sommerliches Konzert erschien, erzählte zugleich von einer viel größeren Idee: von Begegnung, europäischer Verbundenheit und der gemeinsamen Wertschätzung von Frieden, Freiheit und Demokratie.
Am 9. August waren die Musiker um Reinhardt Reissner zu Gast im Deutschen Kulturinstitut Tartu. Ihre Reise führte sie durch alle drei baltischen Staaten – Litauen, Lettland und Estland. Anlass war der Jahrestag des Baltischen Weges – jener rund 600 Kilometer langen Menschenkette, mit der Esten, Letten und Litauer 1989 gemeinsam ein Zeichen für Freiheit und Unabhängigkeit setzten.
Mit viel persönlichem Engagement hatte die Leiterin des Deutschen Kulturinstituts, Vaike Hint, den Besuch vorbereitet und die Gäste herzlich nach Tartu eingeladen. Sie kümmerte sich während ihres Aufenthalts um die Musiker und Besucher und trug wesentlich dazu bei, dass aus dem Konzert ein herzlicher und persönlicher Begegnungsnachmittag wurde.
Auch das estnische Team der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung war vor Ort. Das Deutsche Kulturinstitut Tartu ist ein langjähriger Partner der DBJW – und so wurde der Nachmittag zugleich zu einer schönen Gelegenheit, bestehende Verbindungen zu pflegen, neue Menschen kennenzulernen und deutsch-baltische Freundschaft ganz unmittelbar zu erleben.
Eine musikalische Reise für Frieden und Freiheit

Die Musiker waren nicht einfach für eine Reihe von Konzerten ins Baltikum gekommen. Ihre Reise stand im Zeichen von Frieden, Freiheit und Demokratie. Sie machten sich auf den Weg durch Litauen, Lettland und Estland, um Menschen zu begegnen und mit ihrer Musik an die Geschichte und die wiedergewonnene Freiheit der baltischen Staaten zu erinnern.
Gerade hier besitzt diese Botschaft eine besondere Bedeutung. Der Baltische Weg steht bis heute für den friedlichen Willen von Millionen Menschen, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen. Er erinnert daran, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind – und zugleich daran, welche Kraft entstehen kann, wenn Menschen über Grenzen hinweg gemeinsam für diese Werte einstehen. In Tartu brauchte es dafür keine großen Reden. Die Musik selbst schuf die Verbindung.
Reinhardt Reissner – Musik, die seit Jahrzehnten Grenzen überwindet
Hinter den bayerischen Gästen steht eine bemerkenswerte musikalische Geschichte. Reinhardt Reissner widmet sich bereits seit 1963 der Blasmusik. Damals war er dabei, als sein Vater die Blaskapelle Feldkirchen gründete. Wenige Jahre später übernahm er selbst die Leitung und entwickelte die damalige Dorfkapelle 1978 zur Stadtkapelle Neuburg weiter. Über viele Jahre bildete er musikalischen Nachwuchs aus und führte seine Ensembles zu großen Erfolgen.
Doch Musik bedeutete für Reissner von Anfang an auch Begegnung und Entdeckung. Schon in den 1970er-Jahren begannen mehrtägige Konzertreisen, Anfang der 1980er-Jahre folgten die ersten großen internationalen Unternehmungen. Die Musiker traten unter anderem in Brasilien und bei der Steubenparade in New York auf. Später führten Konzertreisen nach Frankreich, Italien, Rumänien, Polen und Russland, nach Südostasien und Malta sowie nach Australien, Südafrika, Kanada und in die USA.
Auch mit dem von ihm gegründeten Schulorchester der Paul-Winter-Realschule Neuburg unternahm Reissner zahlreiche Reisen ins europäische Ausland. Zu den besonderen Höhepunkten gehörten die musikalische Umrahmung einer Generalaudienz von Papst Johannes Paul II. in Rom sowie die Teilnahme am Karneval in Venedig. Die Reise ins Baltikum fügt sich damit in eine lange Tradition ein: Musik nicht nur aufzuführen, sondern sie mitzunehmen in die Welt – als Einladung zur Begegnung.
Ein Stück Bayern mitten in Tartu

Für einige Stunden verwandelte sich das Gelände des Deutschen Kulturinstituts in ein kleines Stück Bayern. Bei herrlichem Sommerwetter kamen Gäste zusammen, hörten den Musikern zu, unterhielten sich und genossen die entspannte Atmosphäre. Auch kulinarisch wurde der bayerische Charakter des Tages aufgegriffen: Das Restaurant München in Tartu versorgte die Gäste mit deutschem Fassbier, Brezeln und passenden Speisen.
Doch gerade die Mischung machte den besonderen Charakter des Nachmittags aus. Es ging nicht darum, eine Kultur lediglich zu präsentieren. Vielmehr entstand ein Ort, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kamen: Musiker und Gäste, Deutsche und Esten, langjährige Partner und neue Bekanntschaften. Solche persönlichen Begegnungen sind ein wichtiger Teil deutsch-baltischer Zusammenarbeit. Denn Beziehungen zwischen Ländern entstehen letztlich immer durch Beziehungen zwischen Menschen.
Mit Oldtimern und Blasmusik durch Tartu
Nach dem Konzert war der Tag noch lange nicht zu Ende – und bekam eine unerwartete Fortsetzung auf vier Rädern.
Andrus Miilaste, Mitglied des Deutschen Kulturinstituts Tartu, brachte seine historischen Fahrzeuge mit und lud die Musiker zu einer gemeinsamen Oldtimerfahrt durch Tartu ein. So setzte sich nach dem Konzert eine außergewöhnliche Gesellschaft in Bewegung: klassische Automobile, bayerische Musiker und mittendrin ein Orchester, das auch während der Fahrt weiterspielte.
Die Fahrt durch die sommerliche Universitätsstadt wurde zu einem Erlebnis für alle Beteiligten – und offensichtlich auch für die Menschen am Straßenrand. Als die Oldtimer den Tartu Raekoja plats, den historischen Rathausplatz, erreichten, zogen die Fahrzeuge und die spielenden Musiker sofort die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Touristen blieben stehen, filmten und fotografierten die ungewöhnliche Szenerie und bildeten kurzerhand einen Kreis um die historischen Fahrzeuge. Aus einem geplanten Konzert war spätestens jetzt ein kleines deutsch-estnisches Stadterlebnis geworden – spontan, fröhlich und kaum zu übersehen oder zu überhören.
Geschichte entdecken – die Ausstellung von Martin Pabst
Wer an diesem Nachmittag das Deutsche Kulturinstitut besuchte, konnte zugleich eine weitere Facette der deutsch-baltischen Geschichte entdecken. Aktuell zeigt das Institut die Ausstellung „Leben des Adels“, die von dem Potsdamer Historiker Martin Pabst zusammengestellt wurde. Martin Pabst ist zugleich ein langjähriger Freund und Unterstützer der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung.
Die Ausstellung im Deutschen Kulturinstitut widmet sich dem Leben des Adels im historischen Livland und lässt anhand von Texten und zahlreichen Aufnahmen von Herrenhäusern und Gutshöfen eine Welt sichtbar werden, die die Geschichte Estlands und des gesamten baltischen Raumes über Jahrhunderte mitgeprägt hat.
So trafen an diesem Nachmittag ganz unterschiedliche Ebenen aufeinander: bayerische Musik, baltische Geschichte, deutsche und estnische Kultur – und Menschen, die diese Verbindungen heute weiterleben.
In Lederhose und Dirndl weiter durch Estland
Auch am nächsten Tag ging die Reise weiter – und die bayerische Tracht blieb selbstverständlich dabei. In Lederhosen und Dirndln machten sich die Musiker auf den Weg, um weitere Seiten Estlands kennenzulernen. Ihre Route führte sie zu Sehenswürdigkeiten in Tartu- und Jõgevamaa sowie nach Ida-Virumaa. Damit wurde die Konzertreise zugleich zu einer persönlichen Entdeckungsreise durch ganz unterschiedliche Regionen des Landes. Am Abend kehrten die Musiker nach Tartu zurück. Zwischen dem Restaurant München und der Universität gaben sie ein weiteres Konzert – und erneut zeigte sich, wie schnell Musik Menschen zusammenbringen kann.
Besonders temperamentvoll beteiligten sich auch Mitglieder der Tartuer Studentenverbindungen am Abend. Gemeinsam wurden deutsche und estnische Lieder gesungen, darunter auch patriotische Lieder aus beiden Ländern. Für einen besonderen Moment sorgten die bayerischen Musiker schließlich selbst: Sie hatten für ihre Reise auch die estnische Nationalhymne einstudiert. Damit erhielt ein ausgelassener musikalischer Abend zugleich eine sehr persönliche Geste des Respekts gegenüber dem Gastgeberland.
Deutsch und Estnisch, bayerische Blasmusik und Tartuer Studentenleben, Lederhosen und eine baltische Universitätsstadt – vieles, was zunächst sehr unterschiedlich erscheinen mag, fügte sich an diesem Abend erstaunlich selbstverständlich zusammen.
Partnerschaften, die Begegnungen möglich machen
Das Deutsche Kulturinstitut Tartu ist ein wichtiger Partner der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung. Mit seiner Arbeit trägt es dazu bei, deutsche Kultur und Sprache in Estland lebendig zu halten und zugleich die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Estland weiterzuentwickeln. Die beiden Tage in Tartu zeigten auf besonders schöne Weise, wie vielfältig solche Partnerschaften sein können.
Internationale Zusammenarbeit muss nicht immer mit einer großen Konferenz oder einem offiziellen Programm beginnen. Manchmal beginnt sie mit Musikern, die ihre Instrumente einpacken und sich auf den Weg durch drei Länder machen. Manchmal entsteht sie bei einem Gespräch im Garten, bei einer gemeinsamen Fahrt durch die Stadt oder beim spontanen Singen am Abend. Aus solchen Momenten entstehen persönliche Erinnerungen – und aus persönlichen Begegnungen können Verbindungen wachsen, die weit über eine einzelne Veranstaltung hinausreichen.
Ein ähnlicher Gedanke stand auch hinter unserer Initiative „Das Johannisfest verbindet – Kultur, Sprache und europäische Werte erleben”. Dort ging es darum, wie Traditionen, Sprache und persönliche Geschichten Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander verbinden können. Der Rahmen in Tartu war ein anderer, doch der Grundgedanke war derselbe: Kultur schafft Anlässe zur Begegnung – und persönliche Begegnungen geben europäischer Zusammenarbeit ein Gesicht.
Die Freiheit, einander zu begegnen
Die musikalische Reise durch Litauen, Lettland und Estland erinnert schließlich auch an etwas, das im europäischen Alltag leicht selbstverständlich erscheinen kann. Heute können Musiker aus Bayern ihre Instrumente einpacken, durch die baltischen Staaten reisen und unterwegs Menschen treffen. Deutsche, Esten, Letten und Litauer können zusammenkommen, miteinander feiern, ihre Geschichten erzählen und neue Freundschaften über Grenzen hinweg knüpfen.
Diese Freiheit hat eine Geschichte. Gerade im Zusammenhang mit dem Baltischen Weg bekommt eine solche Reise deshalb eine zusätzliche Bedeutung. Vor mehr als drei Jahrzehnten standen Menschen Hand in Hand für Freiheit und Selbstbestimmung. Heute können Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern diese Freiheit nutzen, um einander zu besuchen, gemeinsam zu musizieren, ihre Traditionen zu teilen und neue Verbindungen entstehen zu lassen.
Dass am Ende deutsche und estnische Lieder gemeinsam erklangen und ein bayerisches Orchester die estnische Nationalhymne spielte, hätte als Abschluss dieser Begegnung kaum passender sein können.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Arten, Freiheit zu feiern: sie zu nutzen, um zusammenzukommen.



